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Auf in die Revolution!

 Die Revolution ist wie Saturn, sie frisst ihre eigenen Kinder“, titelt die Landesbühne Nord, wie einst schon Georg Büchner selbst, auf ihrer Website. Damit umwirbt sie eines ihrer neuesten Stücke: „Dantons Tod“.
 
Wieder einmal begab sich die IGS Friesland Nord ins wunderschöne Stadttheater nach Wilhelmshaven, wo sowohl historisch und literarisch Interessierte, als auch Kulturbanausen mit Georg Danton um die Zukunft Frankreichs bangten und mit Maximilien de Robespierre die französische Nationalhymne summten.
 
Gleich zu Anfang zeigte sich abermals die Modernität der Landesbühne: Als Auftakt diente eine vom Theater inszenierte Quizshow über die französische Revolution, die durch eine völlig überdrehte Moderatorin geprägt wurde. Zuschauer aus dem Publikum fungierten für die ersten zwanzig Minuten der Aufführung als Kandidaten und kämpften an der Seite der Marianne oder kuchenessend an der Marie Antoinettes um jeden Minuspunkt für den Gegner.
Die Handlung von Georg Büchners Stück setzt im Frühjahr des Jahres 1794 ein, als die Situation Frankreichs kurz vor der Eskalation steht. Während der Protagonist Danton, einer der prägenden Revolutionsführer, an den radikalen Methoden der von März bis April 1794 andauernden Schreckensherrschaft zu zweifeln beginnt und ausruft, dass diese ein Ende haben und die Republik beginnen müsse, fordert Robespierre die Aufrechterhaltung der Revolution. Nach einer überzeugenden Rede Dantons erkennt sein Gegenspieler, dass dessen Tötung der einzige Weg ist, um die eigene Macht aufrecht erhalten zu können.

Wer in einer Masse, die vorwärts drängt, stehenbleibt, leistet so gut Widerstand, als trät' er ihr entgegen: er wird zertreten“, so erläutert Robespierre in einem Monolog, der den unausweichbaren Verlauf der Tragödie verdeutlicht: Dantons Tod.

Der Protagonist des Stückes verzweifelt, sucht Zuflucht in den Armen seiner Frau, doch dies leider vergeblich. Er leidet unter Schlafstörungen, macht sich für den Tod vieler Zivilisten verantwortlich, sodass er sich in Depressionen und Sinnesstörungen stürzt. Dies verdeutlicht eine der wohl stärksten Szenen des gesamten Dramas, in der Danton, nicht schlafen könnend, das Badezimmer aufsucht, um sich reinzuwaschen. Das anfangs noch klare Wasser verfärbt sich rötlich und Danton erkennt, wozu es geworden ist: Blut.

Außerdem werden in der Aufführung die geschlechterspezifischen Rollen in der Zeit der Französischen Revolution bildhaft. Männer bestimmen die Politik, bestimmen das Leben und sprechen zum Volk, wohingegen die Damen des Stückes kaum zu Wort kommen, häufig sogar unterbrochen werden und weitestgehend der sexuellen Befriedigung dienen. Aus der Parole „Liberté, Égalite, Fraternité“ (zu Deutsch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), wie es zu Beginn der Revolution heißt, findet Danton lediglich die ewige Freiheit in seinem Tod wieder, der – so scheint es zumindest dem Publikum – durch ein Nachkommen der Aufforderung aufzustehen verhindert werden kann. Letztendlich wird jedoch jedem Zuschauer bewusst, dass Geschichte nicht veränderbar ist und das Geschehene geschehen ist.

Dramaturgie und Regie schaffen mit „Dantons Tod“ ein Meisterwerk des Theaters. Durchzogen von einer unfassbaren Modernität, die zum Beispiel durch große Bildschirme, auf denen das leicht zu beeinflussende Volk unter Hunger leidend demonstriert, bevor es die Bühne betritt und schauspielerischen Glanzleistungen, wie zum Beispiel ein nackt über die Bühne laufender Protagonist oder einem Walzer zwischen Danton und seinem Gegner Robespierre, gelingt in der Revolution Frankreichs ebenfalls eine Revolution der Theatergeschichte.

Es bedarf einer Meisterleistung, ein Werk aus dem 19. Jahrhundert so modern und überzeugend aufzuführen, wie es die Schauspieler, angeführt von Julius Ohlemann als Georg Danton und Aom Flury als Maximilien de Robespierre, getan haben. „Dantons Tod“ erhöht sämtliche Erwartungen an folgende Stücke und wird durch all seine Stärken zum Meilenstein der Geschichte der Landesbühne.

 Von Dominik Schrage

 

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