Theaterbesuch der Theater-AG

Verfasst von Dominik Schrage am . Veröffentlicht in Deutsch

Steife Brise im Theater

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Nein, diesmal nicht der Vater mit seinem Kind, sondern Hauke Haien, der nordfriesische Deichgraf auf seinem gespenstigen Schimmel. Zum Auftakt eines weiteren Jahres ganz im Sinne des Theaters trafen sich die „Theaterwölfchen" in der neu gegründeten AG am 24. September im Theater in Wilhelmshaven und hofften auf eine abermals brilliante Vorstellung, wie man es von der Landesbühne mittlerweile gewohnt ist.

Bereits im Deutschunterricht lasen die 18 Theaterbegeisterten die Originallektüre des „Schimmelreiter[s]" und waren gespannt auf die Umsetzung in einen lyrischen Blankvers von Gernot Plass. Nachdem der letzte Gong ertönte und sämtliche Zuschauerinnen und Zuschauer ihren Platz gefunden hatten, begann die ersehnte Vorstellung.

Man fühlte sich beinahe wie in einem Horrorfilm: Nebel, dunkle Farben und unerkennbare Gestalten dominierten das Bühnenbild und nicht zuletzt die düstere Geräuschkulisse inklusive Meeresrauschen riefen beim Publikum Gänsehaut hervor.

Die Erzählebenen der Lektüre sind auf den ersten Blick nur schwer durch den dichten Seenebel zu durchschauen: Eine Figur, vielleicht Storm selbst, berichtet davon, mal eine Geschichte gehört zu haben, an die er sich nun wieder erinnert. Diese Geschichte handelt von einem Reisenden, der meint, einen gespenstigen Reiter auf einem Schimmel gesehen zu haben, woraufhin er in ein Lokal geht und von seiner Erfahrung berichtet. Dieser kurze Bericht wird von einem Lehrer aufgeschnappt, der schließlich die tatsächliche Geschichte um Hauke Haien kennt, die sich ungefähr 80 Jahre vorher zugetragen haben muss. Diese verstrickten Erzählstränge griff das Ensemble selbstironisch auf und verlangte: „Wir brauchen Struktur!" Sowohl beim Lesen als auch im Theater fühlte man sich als norddeutscher Jung', als würde man bei Ebbe auf die Flut warten, doch als die letzte Erzählebene endlich erreicht war, machte die Landesbühne diese Ewigkeit des Wartens mit einer ersten halben Stunde wieder gut, die dynamischer wohl nicht hätte sein können. Die Rolle des friesisch-herben Hauke Haien wurde je nach dargestelltem Lebensabschnitt weitergegeben, sodass selbst verhältnismäßig ruhige Szenen nie langweilig wirkten und trotz des Wechsels wie Wellen ineinander verschmolzen.

Der erwachsene Hauke legt die Leidenschaft für Deiche immer noch nicht ab, ganz im Gegenteil: Er liest Bücher über Mathematik, errechnet die nötige Deichhöhe und scheint damit der einzige im Dorf zu sein, dessen Leben nicht vom Aberglauben bestimmt ist, sondern vom rationalen Denken. „Kann mich hier denn bitte einer aufklären?", ruft er eindeutig zweideutig. Daran mag wahrscheinlich auch liegen, dass sich der junge Friese zunehmend in den Konflikt mit seinen Mitmenschen begibt. In einer besonders gewaltvollen Szene tötet er so die Katze der hexenähnlichen Trien Jans, deren Lebensaufgabe scheinbar im Märchenerzählen besteht und damit im absoluten Kontrast zum eher aufklärerischen Hauke steht. Dieser schafft es im weiteren Verlauf der Handlung tatsächlich, seine Passion zum Beruf zu machen, sodass er zum Knecht des Deichgrafen wird, bevor er dessen Posten später schließlich übernimmt und sich somit gegen seinen Rivalen Ole Peters durchsetzt. Wenig später kauft sich der frische Graf von einer zwielichtigen Gestalt einen abgemagerten, krank aussehenden Schimmel, der von den abergläubischen Bürgern als teuflisch abgestempelt wird. Hauke hat eine Vision: Er will einen neuen Deich bauen, den alten ergänzen und die Fluten weiter eindämmen. Vorerst scheint Hauke die Natur zu bezwingen, die Wellen in Schach zu halten, doch dann bricht die Verbindung aus neu und alt, und als Hauke in den Nebel hineinreitet, um sich dem Kampf zu stellen, folgen Frau und Kind, die schließlich von den tosenden Wellen überschwemmt werden. In seiner Verzweiflung stürzt sich auch der Protagonist, willig zu sterben, in die Fluten und verliert damit endgültig den Kampf mit dem Meer, der Mutter alles Lebendigen.

Die Aufgabe der Landesbühne scheint es geworden zu sein, altertümliche Literatur in unsere Zeit zu übertragen. Dies gelingt Stück für Stück erneut, sodass der vom erzählenden Lehrer stammende simple Satz „Ich nehme mir ein Taxi nach Hause" zeigt, dass Theodor Storm höchstpersönlich literarische Stoffe für die Ewigkeit schrieb, was Regie und Dramaturgie bewiesen. Julius Ohlemann spielt über die gesamten zwei Stunden eine fantastische Hauptrolle und reißt den Zuschauer in begeisterten, fanatischen, aber auch tieftraurigen Szenen mit, und auch das Ensemble um ihn rum überzeugt mit starken Auftritten und authentischen Dialogen up Platt. Die düstere Atmosphäre von Bühnenbild und Klangkulisse hätte die Mystik des Stückes nicht besser treffen können, und auch das sehr kurze, aber umso einprägsamere Endbild des (bis dahin eigentlich schon toten) Hauke Haiens lässt die Geschichte des dunklen Reiters auf dem gespenstisch strahlenden Pferd weiterleben.

Schön war sie, die Inszenierung der Landesbühne. Zuschauerinnen und Zuschauer haben nur selten das Glück, ein sprachlich so präzise abgestimmtes Stück zu begleiten, das in den Ohren so schön klingt wie das Nordseerauschen am Südstrand, Schauspieler so dynamisch zu erleben und die salzige Seeluft sogar im Theater zu schmecken.

Die Brillianz der Landesbühne zeichnet sich unter anderem darin aus, dass sie nichts weiter als sieben Schauspieler, ein paar Stühle und etwas Nebel braucht, um eines der schönsten Stücke der letzten Jahre aufzuführen, Theodor Storms Werk zu entstauben und das Publikum, egal ob jung oder alt, mit dem Zauber des „Schimmelreiter[s]" zu überfluten.

Von Dominik Schrage

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