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Theater-AG besucht TheOs

Landesbühne Nord „Bilder deiner großen Liebe“ - Eine unvollendete Wanderschaft durch Verlorenheit und Empfindsamkeit

„Verrückt sein heißt ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.“ Mit diesen Worten beginnt das nach der Bühnenfassung von Robert Koall inszenierte Stück. Ein Stück, das auf Wolfgang Herrendorfs Fragmenten basiert, deren Titel er erst kurz vor seinem Tod festlegte.

Als wir, die Theater-AG, am 27.10.2018 das TheOs besuchten, um die Inszenierung  des unvollendeten Romans zu sehen, waren unsere Erwartungen hoch. Viele von uns kannten bereits Herrendorfs Roman „Tschick“ und damit auch den Charakter Isa, der in „Tschick  eine Nebenfigur einnahm. In „Bilder deiner großen Liebe“ wird Isa zur Hauptfigur.

Das Stück erzählt in skizzenhaften Fotografien von Isa und dem Leben im Allgemeinen. Isa, die einer psychiatrischen Anstalt entflohen, barfüßig und ziellos durch Wälder, Ortschaften und Landstriche streift, ist gleichermaßen unsentimental wie feinfühlig. Die Reise, die sie erlebt, zeichnet sich besonders durch die Menschen aus, die ihr begegnen. So trifft sie unter anderen einen Binnenschiffer, einen dubiosen Lastwagenfahrer und eine Fußballmannschaft. Es entsteht mit jedem Gedanken, jeder Begegnung und jedem Erlebnis ein Mosaik von nichts Geringerem als dem Leben und dem Sein des Menschen zwischen Himmel und Erde.    

Diese zusammengesetzten Aufnahmen oder auch „einzelne Songs“, wie es der Regisseur Gregor Tureček in einem festgehaltenen Gespräch mit der Hauptdarstellerin Caroline Wybranietz nennt, bilden das Stück, das „Album“ „Bilder deiner großen Liebe“.

Das Motiv der Musik wird im Verlauf der Inszenierung immer wieder aufgegriffen. Das Bühnenbild, bestehend aus einem skurrilen Durcheinander von verstreuten Kabeln, Müll, einem Fuchsschwanz und alten Autositzen vor drei schwarzen Wänden, ähnelt einem Proberaum, die Schauspieler, die nur zu zweit die Geschichte von Isas Reise erzählen, spielen E-Gitarre und Keyboard, rappen oder singen. Selbst der Wasserkocher und der Kanister kommen zum Einsatz, mit denen aus Alltagsgegenstände musikalische Geräusche entstehen. Durch wiederkehrende Aufnahmen mit einem Tonbandgerät wird das Sehen des Stücks zu einem atmosphärisch verdichteten Erlebnis für den Zuschauer. Immer wieder neue Geräusche und dazu genommene Töne ergeben ein Zusammenspiel, das selbst kleine Geschichten erzählt.

Neben der Musik spielen auch Videoprojektionen und das Wesen der Sterne eine Rolle. Beides tritt in schräger, aber eindrucksvoller, Isa-ähnlicher Weise auf und wird durch philosophische Fragen und bildliche Darstellungen aus dem Weltall miteinander verbunden. 

Besonders im Gedächtnis verankert bleiben Videoaufnahmen von den Darstellern im Römerkostüm und mit Leggins und einer Glasschale auf dem Kopf bekleidet, die vor einer Tankstelle stehend, ein nicht verständliches Gespräch führen. Aber auch einen Kampf mit Laserschwertern im Weltraum und das Pflanzen von Salat auf dem Mond vergisst man nicht so schnell.

Man könne nicht alles in der Inszenierung logisch erklären, äußert die Dramaturgin Anna- Lena Rode. Vielmehr gehe es um die Assoziationen, die durch Videoprojektionen und Live-Musik ermöglicht würden und Raum für eigene Gedanken ließen.

Mithilfe der Videos und der Aufnahmen des Tonbandgeräts findet das Theater zudem einen ganz anderen Weg zum Publikum als gewohnt. Mit schaukelndem Wasser in einem Kanister und mit der Aufnahme eines Flusses wird die Szene zwischen Isa und dem Binnenschiffer erzählt. Beide Schauspieler gucken dabei ins Publikum, sprechen den Dialog und schon hat man das Gefühl, selbst auf dem flachen Schiff zu sitzen, das eigentlich gar nicht dargestellt ist, sondern nur die Atmosphäre um das Schiff herum.           

Der Regisseur hat es so geschafft, ein bisschen Natur und das Empfinden des draußen-Seins ins Theater zu übertragen. Schließlich ist Isas Wanderschaft auch eine Geschichte der Natur und der Freiheit, die romantische Züge aufweist, die für mich sogar noch etwas stärker hätten auftreten können.

Insgesamt ist das Stück jedoch so detailreich erzählt, ob im Bühnenbild oder im Schauspiel der Darsteller, dass Isa und der vollständig unvollendete Roman in jeder Einzelheit wiederzuentdecken sind, obwohl nur Ausschnitte der Fragmente gewählt wurden. Selbst das Detail der Tüte Haribo, deren Inhalt sich der Lastwagenfahrer neben Isa in sich hineinstopft und wie er mit offenem Mund kaut und schmatzt, kann die gesamte Situation zwischen ihm und Isa erzählen.

Gespielt werden Lastwagenfahrer, Binnenschiffer und jede weitere männliche Figur von Philipp Myk. Obwohl nur Myk und Wybranietz auf der Bühne stehen, bleibt die Konzentration des Zuschauers auf der von Caroline Wybranietz gespielten Figur der Isa. Man erlebt sie laut, fluchend und nachdenklich. Auch wenn man während der Vorstellung gemerkt hat, dass das Ausrufen von Schimpfwörtern und die unbeherrschte Art der Figur nicht jedermanns Sache sind, da sogar zwei Zuschauer den Vorstellungsraum verließen, bietet Isa dennoch für viele Identifikationsraum, denn was ist schon „verrückt“ und was ist „normal“? In jeder Art des „Verrücktseins“ steckt doch auch immer etwas „Normales“, das jeder kennt. 

Wer also ein etwas schräges, aber auch detailreich erzähltes, nachdenkliches  Theaterstück sehen will, das durch laute und ungestüme Empfindsamkeit überzeugt, sollte unbedingt „Bilder deiner großen Liebe“ erleben.

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