„Draußen vor der Tür“

Verfasst von Dominik Schrage. Veröffentlicht in Darstellendes Spiel

Ein Stück, das seine Aktualität wohl nie verlieren wird.

„Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will“, beschrieb Wolfgang Borchert sein eigenes, nur in wenigen Tagen geschriebenes Stück in knappen, aber eindringlichen Worten. Lässt man die Zeit, über Borcherts Beschreibung nachdenkend, langsam weiterlaufen, so eröffnet sich einem der Sinn hinter diesen Worten, die die Bedeutung des Stückes definieren.

Drei Jahre nach der Schlacht von Stalingrad kehrt ein ehemaliger Soldat wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurück. Nach der dreijährigen Kriegsgefangenschaft in Sibirien und endlich angekommen ist Beckmann, der stets bei seinem Nachnamen genannt wird, verloren, allein und steht wie viele in der kalten Nachkriegszeit kurz vor dem Suizid. Sein Versuch, das Leben mit einem Sprung in die Elbe zu beenden, scheitert, da der Fluss Beckmann in der Gestalt einer alten, resoluten Frau erscheint und ihn wieder hergibt, da ihr sein junges Leben zu armselig sei. Der ehemalige Soldat wird in der ersten Szene noch nicht einmal vom Tod aufgenommen, sondern wieder nach draußen vor die Tür gesetzt. In der zweiten Szene erwacht Beckmann an einem Strand, zurück in seinem armseligen Leben, in dem er hungert, humpelt und ein anderer Mann den Platz in seinem alten Ehebett angenommen hat. Zu ihm tritt der „Andere“, der Optimist, der Beckmann von nun an antreiben wolle und ein Mädchen, das den nassen und frierenden Mann zärtlich „Fisch“ nennt, sich um ihn sorgt und ihn schließlich mit nach Hause nimmt. Ab dem Zeitpunkt versucht Beckmann  vergebens, sich im „neuen“ Deutschland zurechtzufinden und sein Leben anständig weiterzuleben, während er für andere Figuren häufig nur wegen seiner ungewöhnlichen Gasmaskenbrille interessant wirkt.

Unter der Leitung von Gesche Funke führte der 12. Jahrgang „Draußen vor der Tür“ am 01. Juni auf und begeisterte sämtliche Zuschauerinnen und Zuschauer. Die 27 Schüler eröffneten das Stück ganz nach Borcherts Vorbild, indem sie den Text der ersten Seite chorisch sprachen:

 „Von einem Mann, der nach Deutschland kommt, einer von denen. Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen, nachts im Regen, auf der Straße. Das ist ihr Deutschland.“

„[Der Text] hat uns stark beschäftigt“, sagte Spielleiterin und Lehrerin Gesche Funke im Interview. Und tatsächlich: Nicht nur die jungen Schauspieler, sondern auch die Zuschauer stellten sich im Anschluss die Fragen, wie es ist, aus dem Krieg nach Hause zu kommen, verändert und geprägt durch Tod und Gewalt, wie es ist, zu Hause plötzlich fremd zu sein und wie es ist, wenn man niemanden mehr hat, um über all die Wahrheiten zu sprechen, die einen belasten.

Der 12. Jahrgang der IGS Friesland Nord erreichte neben dem guten Schauspiel ebenfalls vollzeitige Aufmerksamkeit durch einen regelmäßigen Wechsel der Hauptrollen. So wurden die Rollen der Protagonisten von Szene zu Szene weitergegeben, was einem bloßen Szenenwechsel eine unglaubliche Ästhetik verlieh.

Desweiteren barg das Ensemble nicht nur neue, mit weißer Farbe geschminkte Gesichter, sondern auch einige erfahrene Theaterdarsteller, wie zum Beispiel Dahlia Hedemann, die zwischenzeitlich  auf der Landesbühne in Wilhelmshaven spielt und in „Draußen vor der Tür“ Frau Kramer verkörperte, die nun in Beckmanns altem Haus wohnt. Besonders gute Schauspielleistungen erbrachte auch Lara Bohlen, bekannt aus dem Niederdeutschen Theater in Neuenburg, die als Gott durch alles Böse in der Welt zurück in die Seele der Menschen einzutauchen versuchte.

Authentizität sei alles, sagt man in Theaterkreisen und wohl wahr: An keiner Stelle mangelte es der Inszenierung an Authentizität. Türen knarrten in jeder Szene, in der Beckmann entweder Hoffnung oder Enttäuschung empfand, die Elbe selbst benässte das Publikum und dichter Nebel durchzog den Saal – Kann ein Theaterstück überhaupt authentischer sein?

Abschließend lässt sich sagen, dass dem 12. und ersten Jahrgang, der in der Kunst des Darstellenden Spiels unterrichtet wird, ein Meisterwerk des Theaters gelungen ist, das auch nach über 50 Jahren noch spannend zu sein scheint. Alle Fragen, die Beckmann sich stellt, könnten gerade vor aktuellen politischen Hintergründen gar nicht aktueller sein und verleihen dem Theaterstück eine immerwährende Aktualität.

Um einem Stück solch eine Besonderheit zu verleihen, bedarf es nicht nur guter Schauspielkunst, sondern auch Fleiß und Mühe, die die Inszenierung zu dem neuen Aushängeschild der Integrierten Gesamtschule machten. All das brachten die  Schülerinnen und Schüler mit Bravur auf und veranstalteten mit ihrer Inszenierung einen wundervollen Abend, nach dem alle traurig waren, wieder nach draußen vor die Tür gesetzt zu werden.

 

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